Peter Wächtler
Die Tätigkeit entspannt dich. Du entwirfst einen riesigen
Freeway, der nach Norden ausgerichtet ist und die
Vororte noch besser einbinden würde. Das erzählst du
allen, die dich kennen, bei jeder Gelegenheit. Vier Parks
in einem Viertel, aber für unterschiedliche Zielgruppen.
Die Maßstäbe verändern sich zu deinen Gunsten. Du
erfindest Konzepte gegen Überalterung und urbane
Tristesse. Das wird gefeiert, du kotzt ins Treppenhaus
deines Mehrgenerationenhauses. Ein alter Mann hilft dir
auf. Du bist immer noch gut in der Zeit, aber zu lahm,
dein Gesicht hängt dir ins Essen. Abgaben,
Abmachungen und Prüfungen, Selbstermächtigung,
Gestaltung, Beweise, Wirkung, Veränderung, deine
Zukunft hat in deiner Hose allein keinen Platz mehr. Du
gehst die Sache mit der Partnerschaft jetzt ernst an.
Dann denkst du über Industrie nach. Eine Zeit lang
kaufst du alles was du brauchst im Baumarkt. Dein
Essen auch. Du prügelst dich mit Leuten, weil sie dich
einen Tüftler nennen. Du hast viel zu tun, aber deine
Beobachtungen werden seltener. Die Übersicht geht
flöten, also zurück zu den Modellen. Die Aufgabe ist klar:
ein Weingut in Frankreich, eine neue Abfüllstation,
Weinpresse, maßgeblich solarbetrieben, moderne
Kelterung. Du schaust auf deine nördliche
Zubringerstraße und auf all die Plastikfenster, die du auf
die örtliche Witterung abgestimmt hast. Das Wetter in
Frankreich. Realität. Du bist stolz. Über die
Pfingstfeiertage schneidest du dir tief in die Hand und
wirst mit drei Stichen genäht. Der Arzt ist in einer
Stimmung, auf die du niemals ein Anrecht haben wirst. Er
wünscht dir alles Gute. Du hast noch drei Wochen.
Zurück zuhause schaust du auf die Pläne, alles wirkt
akademisch und steif und du kannst es nicht ändern.
Von den Verkehrs- und Sichtachsen ziehst du dich ins
Schlafzimmer zurück. Von innen heraus formt jeder Tag
sein Gelände heraus. Die Totensümpfe. Du checkst die
Pillenverpackung deiner Freundin und frisst selber
Vitamine, die keine Wirkung zeigen. Du bist allein mit
deiner Zeit in deinem Zimmer und sie quillt auf wie
Bauschaum. Jetzt wird es eng. Du musst die Sache
reduzieren, deine Lehrer flehen dich an einen Schlag
reinzuhauen. Mit den Coolen von ihnen gehst du saufen
und die sagen du musst gar nichts machen. Dann wirst
du etwas beschränkt. Du denkst über finale soziale
Metaphern nach: Licht und Schatten. Du fragst das
Genre um Hilfe, aber du hast nichts zu schaffen mit
anderen Welten. Du versuchst Andere zu treffen, hast
aber mit ihrem Geflüster nichts zu tun. Du versuchst
mitten dabei zu sein. Bald vermisst du deine Alte.
Das Studium strengt dich sehr an, so soll es sein. Deine
Müdigkeit wird wieder ehrlich, das ist furchtbar, vor allem
historisch. Deine Freunde raten dir durchzuhalten. Du
suchst dir andere, die schneller denken und die ganze
Zeit unterwegs sind. Dein französisches Weingut wird zu
einer Anekdote, die du ihnen besoffen erzählst. Sie
sollen die Wahrheit über deine Herkunft erfahren. Du
hast wirklich ganz klein angefangen. Du schaust nur
noch nach oben. Dort, über dem Tor der großen
Bibliothek steht in goldenen Lettern geschrieben: Sie
werden dich in den Staub treten.
Aber es ist auch alles nicht so schlimm und wirklich schon
sehr lange her. Du versuchst dich jetzt an den einfachen
Dingen zu erfreuen. Du hast keine Ahnung über
geopolitische Konfliktherde und sagst dir ständig, dass
du das auch nicht musst. Du gehst in die Landschaft, du
magst die Tageszeiten, die Jahreszeiten, du kochst
saisonal und baust dir deine Möbel selber. Du denkst
über Haustiere nach und spekulierst auf ein würdevolles
Leben in der Provinz, umgeben von Schafen, Hühnern
und einem Hund, für den du schon drei Namen in Petto
hast. Du würdest dann niemanden mehr brauchen, hast
aber eine Katzenallergie. Manchmal stellst du jetzt schon
eine Kerze ins Fenster und klingelst beim
Nachbarn um ihn an die Hand zu nehmen und ihm deine
Hilfe anzubieten. Er hat auch studiert, du weißt aber
nicht was, jedenfalls nach einem völlig anderen System.
Er sagt, er braucht keine Hilfe und in keinem Fall von dir.
Exhibitions
Biographie Peter Wächtler
PETER WÄCHTLER
geboren / born 1979 in Hannover
lebt und arbeitet / lives and works in Brüssel
AUSBILDUNG / EDUCATION - Peter Wächtler
1999-2004 Studium Freie Kunst an der Bauhaus-
Universität-Weimar bei Professor Fritz
Rahmann und am Kent Institue of Art and Design,
Canterbury, England
EINZELAUSSTELLUNGEN / SOLO EXHIBITIONS – Peter
Wächtler
2012
“STUDIUM MAXIMUM”, kuratiert von Christian Nagel,
Reisebürogalerie Diko Reisen, Köln.
“Das Kino im Alten Mühlenviertel”, Galerie Lars Friedrich,
Berlin.
2011
“The Set”, Etablissement d‘en Face, Brüssel.
2010
“New Album”, SIC, Brüssel.
2009
“Sustainability”, Elisa Platteau Galerie, Brüssel.
“Songbook”, in Zusammenarbeit mit Andreas Wegner,
Kunstraum, München.
“Depression Glass”, Goethe-Nationalmuseum, Weimar,
Nietzsche-Archiv, Weimar,
Installation für die Konferenz „Moderne und Historizität“
2008
“Omen”, Aktualisierungsraum, Hamburg.
2006
“Concert – Look back in Anger”, galerie 35, Berlin.
2004
“Singer”, Bauhaus-Museum, Weimar.
GRUPPENAUSSTELLUNGEN / GROUP EXHIBITIONS – Peter
Wächtler
2012
“Un-Scene II”, Wiels Centre d‘Art Contemporain, Brüssel.
2011
“Anfang gut. Alles Gut.”, Basso, Berlin und Kunsthaus
Bregenz, Bregenz.
“Melanchotopia”, Witte de With, Center for
Contemporary Art, Rotterdam.
Herzliya Biennial, Herzliya, Israel.
“The True Artist Helps the World by Revealing Magick
Truths”, D21 Kunstraum Leipzig.
“Acts of Refusal”, Art House, Tartu, Estland.
2010
“Künstler der Galerie”, Elisa Platteau Galerie, Brüssel.
“The City is forever. Not me.”, Stephen Lawrence Gallery,
London.
2009
“Morality: From Love to Legal”, Witte de With, Center for
Contemporary Art, Rotterdam.
“Finishing off a Genre: Last Money-Paintings”, Atelier
Brunnhuber und Vardag, Wien.
“Isomopolis”, Etablissement d’en Face, Brüssel.
2008
“Un.Sichtbar”, Deutschvilla, Strobl, Österreich.
“Sieg über die Sonne”, Aktualisierungsraum, Hamburg.
“Re-Education. You too can be like us.”, HAU-Hebbel am
Ufer, Berlin
2006
“The Culture of Fear I + II”, Halle 14, Baumwollspinnerei,
Leipzig, ACC Gallery,
Weimar.
“Innenaustattung”, Ausstellungsraum Bleicherstrasse,
Hamburg.
“Contragolpe – Reenacting a failed operation”, Karl-Marx
Allee, Berlin.
2005
“Transmission”, Neues Museum, Weimar.
“Das Vermögen der Kunst”, Kunsthaus, Dresden.
“Most Haunted 05″, Galeria AG7, Riga.
VERÖFFENTLICHUNGEN UND REZENSIONEN /
PUBLICATIONS AND REVIEWS – Peter Wächtler
2012
THE SET
Künstlerbuch
Hrsg.: Etablissement d‘en face, SIC, Brüssel
Butterfly Room / CC / Thomba di Kha
Kurzgeschichten, Ausstellungskataloge Richard Venlet
Hrsg.: Grotto Publications
2009
Songbook
Katalog zur Ausstellung
Zusammenarbeit mit Andres Wegner
Nancy and Tonya
Text zur Ausstellung „I kiss your ectoplasm like I would a
shark“
von Danai Anesiadou im Kiosk, Ghent / Belgien
In der Pandurenklause
Artikel für die Zeitschrift Lichtung
Zusammenarbeit mit Miriam Visaczki
2008
Un.Sichtbar
Ausstellungskatalog
Czerny Verlag, Wien / Österreich
Das Vermögen der Kunst
Ausstellungskatalog
Böhlau Verlag, Köln
2005
Kunstreport
Jährliche Veröffentlichung
mit verschiedenen Autoren
Transmission
AusstellungskataloG
Neues Museum, Weimar
2003
HMP-Her Majesty’s Prison
Broschüre mit Texten und Zeichnugen
zum Gefängnis von Canterbury
Concert
CD, 8 Songs, Booklet
2002
Parkett, Nr. 67
„Mimetische Ausschnitte“
Rita Kersting
2001
Public Relation
Projektkatalog Bauhaus-Universität Weimar
Abenteuer optional
Essay published in Finger, Nr. 9