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07.09.2018 – 10.11.2018

EDMUND CLARK Unseen Conflicts - War on Terror

Das Werk des vielfach preisgekrönten britischen Künstlers
Edmund Clark reflektiert Geschichte, Politik, sowie die Mittel
ihrer Repräsentation in einer vielschichtigen Kombination aus
diversen Medien wie Fotografie, Film, Textdokument und
Installation. Auf der Grundlage eines fotografischen Ansatzes
konzentrieren sich die Arbeiten von Edmund Clark thematisch
auf Machtsysteme und Mechanismen der Staatskontrolle.
Insbesondere liegt das Augenmerk des Fotografen, der als
Mitglied der britischen Presse erstmals Zugang zum
Gefangenenlager Guantánamo erhielt, auf den umwälzenden
gesellschaftlichen Veränderungen seit den Terroranschlägen
von 9/11.

Fotoserien wie “Negative Publicity. Artefacts of Extraordinary
Rendition” zeigen die weitreichenden und die Normalität des
Alltags beeinträchtigenden Folgen des Krieges gegen den
Terrorismus auf. Die Serie ist zwischen 2011 und 2016 in
Zusammenarbeit mit dem Antiterror-Experten Crofton Black
entstanden, der als einer der Hauptzeugen vor dem EU-
Parlament und dem EU-Gerichtshof zur Verurteilung von
Polen und Litauen beitrug, auf deren Boden die CIA
verborgene Haftanstalten errichtet hatte. In „Negative
Publicity“ beleuchtet Clark Fälle von „Extraordinary
Rendition“, womit das Entführen und Überführen einer Person
von einem Staat zum anderen ohne juristische Grundlage
bezeichnet wird. Anhand von Rechnungen, Quittungen und
anderen Nachweisen von Unternehmen, die an der
Durchführung dieser Gefangenentransporte beteiligt waren,
werden diese weltweiten „Bewegungen“ zwischen geheimen
Aufenthaltsorten und Gefängnissen dokumentiert. Begleitet
werden diese Belege von Fotografien privater Wohnhäuser,
Hafteinrichtungen, Firmen- und Regierungssitze, zwischen
denen sich das internationale Netzwerk von der Landkarte
getilgter, „schwarzer Schauplätze“ der CIA spannt. Für dieses
Projekt erhielt Clark, gemeinsam mit Crofton Black, einen ICP
Infinity Award (2017, https://www.youtube.com/watch?
v=izIPcV2x2-k).

Die Serie „Control Order House“ (2011) ist das Ergebnis des
Aufenthalts von Edmund Clark in einem Haus, das als Ort der
Festnahme eines Mannes diente, der verdächtigt wurde,
terroristischen Aktivitäten nahezustehen. In 3 Tagen und 2
Nächten, die Edmund Clark 2011 gemeinsam mit dem
Bewohner in dieser Einrichtung verbrachte, entstanden über
500 Ansichten. Es sind schnelle Aufnahmen, die mit
automatischer Blitzlichteinstellung und Weitwinkelobjektiv,
aber ohne kompositorische Einflussnahme zustande kamen:
Dokumente einer Inhaftierung in häuslicher Umgebung. Die
numerisch ausgewiesene Reihenfolge legt nahe, dass es sich
hier um eine geschlossene Sequenz, um eine lückenlose
Dokumentation handelt. Der unter Beobachtung stehende
Protagonist jedoch, dessen Gegenwart letztlich durch die
exakte Wiedergabe seines Wohnraums evoziert wird, fehlt.
Stattdessen findet sich auf dem beklemmenden Parcours eine
Detaildichte, die das Fehlen einer persönlichen Einrichtung
umso offensichtlicher werden lässt. Wie eine Spurensuche
dringt die Kamera in Ecken und Nischen, um Indizien einer
menschlichen Präsenz aufzudecken. Unheimlich erscheint
dabei die (an den Autoritäten vorbeigeschmuggelte) Katze als
einziges Lebewesen. Die Spannung verborgener (Bild-)inhalte
durchdringt jede einzelne Aufnahme.

Auch die Serie „Letters to Omar“ (2010,
https://www.fotomuseum.ch/de/explore/situations/30612)
veranschaulicht die Beschneidung der Freiheit des
Individuums zur Prävention terroristischer Unternehmungen.
Hier versammelt Edmund Clark eine Auswahl an Briefen und
Karten, die der Insasse Omar Deghayes während seines
sechsjährigen Aufenthaltes im Gefängnis Guantánamo
erhalten hat. Es handelt sich hierbei um Schriftstücke, die
von Familienangehörigen, aber auch von Unbekannten
verfasst wurden und deren Inhalte vor der Zustellung an den
Empfänger in Guantánamo manipuliert und zensiert wurden.
Omar erhielt eine bloße, mit einer Referenznummer
versehene Kopie des Originalschriftstücks. Diese verfälschten,
in ihrem Wert geminderten, abstrahierten Gesten der
Unterstützung werden zu Zeichen staatlicher Machtausübung
und einer durch Verfolgung und Verdächtigung bedrängten
Wahrnehmung, die letztlich zu einer zunehmenden Halt- und
Orientierungslosigkeit beiträgt.

In „Mountains of Majeed“ (2014) stellt Clark fotografische
Aufnahmen des US-Luftwaffenstützpunktes Bagram in
Afghanistan und Gemälde des lokalen Künstlers Majeed
gegenüber. Hier treffen hochaufgelöste Bilddateien, die aus
dem eingezäunten Areal der Militäranlage heraus die im
Hintergrund sich majestätisch erhebende Bergkette des
Hindukusch dokumentieren, auf die idealisierte malerische
Darstellung üppig grüner und gebirgiger Landstriche
derselben.

Es geht Clark um die Dokumentation, um die Fotografie, um
das Bild überhaupt, dessen immanente Eigenschaften - Farbe
und Form - mit vorgefassten Meinungen und einseitigen
Inhalten in Übereinstimmung gebracht werden und daher
nicht verbindlich einer „Wahrheit“ entsprechen können. Seine
Werke fordern dazu auf, die Erzählungen und Prozesse “hinter
den Bildschirmen zu erkennen, durch die wir die Bilder
wahrnehmen, die Filter, die unsere Eindrücke manipulieren.“

Die aktuelle Ausstellung bei Parrotta Contemporary Art beruht
in ihrer konzeptuellen Ausrichtung und Werkauswahl auf der
umfassenden und vielbeachteten Präsentation „Terror
Incognitus“ (2016) in Zephyr. Raum für Fotografie, Reiss-
Engelhorn-Museen, Mannheim.

EDMUND CLARK

Das Werk von Edmund Clark wurde in großen
Einzelausstellungen in bekannten Museen und Institutionen
präsentiert, darunter in jüngster Zeit dem International
Center of Photography Museum, New York, dem Imperial War
Museum, London, und dem Zephyr. Raum für Fotografie,
Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim.

Seine Arbeiten sind in namhaften nationalen und
internationalen Sammlungen vertreten, wie dem ICP Museum
und dem George Eastman House in den USA, sowie dem
Imperial War Museum und dem National Media House in
Großbritannien.

Vielfach ausgezeichnet, erhielt Edmund Clark die Royal
Photographic Society Hood Medal für herausragende
Fotografie im Dienste der Öffentlichkeit, zudem wurde ihm
der British Journal of Photography International Photography
Award verliehen. Clark wurde 2014 für den Henri Cartier-
Bresson International Award, 2012 für den Prix Pictet und
2011 für den Deutsche Börse Photography Prize nominiert.
Auch seine Publikationen wurden mit zahlreichen Preisen
bedacht, u.a. „Guantánamo: If the Light Goes Out“ als bestes
Buch des Jahres 2011 bei den New York Photo Awards und
den International Photography Awards / The Lucies Awards
sowie „Negative Publicity“ als Gewinner des ersten Foto-Text
Buch-Preises der Les Rencontres de la Photographie, Arles
(2016).