"...YELLOW AND BLUE, THAT´S FOR YOU"
Benjamin Badocks Motivrepertoire, das sich in der aktuellen
Ausstellung auf großformatigen Hochdrucken und Gouachen
ausbreitet, besteht aus vielfältigen Formelementen
unterschiedlicher Kontexte. Sie entstammen beiläufigen
Beobachtungen der unmittelbaren Umgebung und erscheinen
als urbane Zitate, stilisierte Ausschnitte des Stadtbilds,
zeichenhafte Skizzen und typografisch verdichtete
Notationen. Diese Fragmente einer Alltagskultur sind
herausgelöst aus einer formalen oder funktionalen
Gebundenheit und in die Abstraktion überführt. Bezüge zur
gegenständlichen Dingwelt treten hinter eine freie
gestalterische Auffassung zurück. Vergleichbar mit den
einfachen Grundformen eines Baukastens, die zu komplexen,
fantasievollen Gebilden zusammengesetzt werden können,
entstehen Badocks Kompositionen durch eine variantenreiche
Kombinatorik von einzelnen, reduzierten Einheiten. Während
bei den gezeigten Hochdrucken die Regelmäßigkeit eines
systematisch aufgetragenen Rapports auffällt, wirken die
Gouachen wie spielerisch aufgelockerte, farbenfrohe
Improvisationen.
Badock experimentiert seit über 10 Jahren auf innovative
Weise mit traditionellen druckgraphischen Techniken. Dabei
geht es ihm weniger um die Möglichkeit der Vervielfachung
eines Motives, sondern vielmehr um das malerische Potential,
das dem Verfahren innewohnt. In aufeinanderfolgenden
Druckvorgängen entstehen farbige Überlagerungen, im
Prozess zugelassene Verfehlungen der mechanischen
Präzision ermöglichen Verschiebungen der Muster und
graduelle Übergänge der Nuancen. Auch werden
unkonventionelle Materialien erprobt. So bilden textile
Produktionsreste den Ausgangspunkt für Badocks jüngste
Werke, deren mitunter flächendeckende ornamentale Anlage
auf die gleichmäßige Anordnung von schablonenhaft
aufgelegten Stoffstücken zurückzuführen ist.
Während eines Arbeitsstipendiums in Vietnam 2014 besuchte
Benjamin Badock Produktionsstätten internationaler
Textilkonzerne. Einen nachhaltigen Eindruck auf den Künstler
hinterließ die Gleichzeitigkeit von Ordnung und Chaos in den
Sweatshops von Hanoi. Während sich auf der einen Seite die
begehrten Erzeugnisse der globalen Industrie sortiert
befanden, lagen auf der anderen Seite und in augenfälligem
Kontrast dazu die Reste, aufgetürmt zu Abfallhaufen, am
Straßenrand. Diese wertlosen Stofffetzen, den Verschnitt,
verwendet Badock nun zum Drucken. Er verwertet damit
jene Teile, die quasi als Negativformen den Ausschuss im
Herstellungsprozess bilden. Nur durch einen schmalen Grat,
einen Schnitt quasi, sind hier das Positiv und das Negativ,
das Hochglanz- und das Müllprodukt, der Überfluss und der
Überschuss getrennt. Badocks visuelle Auseinandersetzung
mit den vorgefundenen Reststücken führt zur Aufhebung
dieser Unterscheidung: Wie im Vexierbild die Motive
heterarchisch und alternierend vor- und zurück springen oder
kippen, werden hier im dynamischen Wechsel der Formen
und Farbkontraste die vormaligen Kriterien zugunsten einer
ästhetischen Neubewertung hinfällig.
BENJAMIN BADOCK, 1974 in Chemnitz (ehem. Karl-Marx-
Stadt) geboren, studierte zunächst Architektur an der
Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus, bevor
er sich von 2001 bis 2008 dem Studium der Freien Kunst an
der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig
widmete, das er 2009 als Meisterschüler von Olaf Christopher
Jenssen abschloss. Badock erhielt zahlreiche Auszeichnungen,
Preise und Stipendien. 2017 wählte ihn die Villa-Massimo-
Jury für ein Aufenthaltsstipendium in der Cité International
des Arts in Paris aus. 2016 wurde er für den Queen Sonja
Print Award in Oslo, Norwegen nominiert. 2014 gewann
Badock den Sprengel-Preis für Bildende Kunst der
Niedersächsischen Sparkassenstiftung, Hannover. Das Werk
von Benjamin Badock ist in renommierten öffentlichen und
privaten Sammlungen vertreten, darunter: Sprengel Museum
Hannover, Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Kunstsammlung Deutsche Bundesbank, Daimler
Kunstsammlung, Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen,
Kunsthalle Göppingen und Städtische Galerie Delmenhorst.
Benjamin Badock lebt und arbeitet in Leipzig.