HEMSWORTH JENSSEN TOLLENS REED
Die Thomas Rehbein Galerie freut sich besonders, vier künstlerische Positionen zusammenführen, deren
Bedeutung als Vertreter der zeitgenössischen Malerei im internationalen Kontext weithin etabliert ist.
Obwohl das „Malerische“ sich im digitalen Zeitalter mittlerweile in einer Vielzahl an Medien verliert und
zur diffusen Metapher gerät, offenbaren die Ansätze von Gerard Hemsworth (GB), David Reed (USA),
Olav Christopher Jenssen (N) und Peter Tollens (D) die dezidierte Hinwendung zur handwerklichen
Realität der Malerei: die Gestaltung einer Fläche mit Farbe. Allerdings geschieht dies unter
Berücksichtigung aktueller Malereidiskurse, die vor dem Hintergrund neuer Techniken des
Bildermachens das traditionelle Medium befragen und eine zeitgemäße Ausdrucksform zu finden suchen.
Allen vier Positionen ist die Reflexion über die Malerei gemein, wobei sich die unterschiedlichen
Aspekte und Herangehensweisen spannungsvoll herausbilden.
PETER TOLLENS untersucht das Verhältnis von Farbe und Grund. Ausgehend von einem Bildträger,
dessen Tiefe ein Gegengewicht zum flachen Malgrund bildet und die räumliche Ausdehnung des
Gemäldes fördert, führt der malerische Prozess über die Grundierung mit Eitempera zur Schichtung von
Ölfarbe in kurzen, markanten Pinselstrichen. Die Bildfläche wird rhythmisiert, bis die oberste Schicht
eine monochrome Farbwirkung ausstrahlt, die jedoch gebrochen wird durch durchlässige Partien, in
denen die zugrundeliegenden Farbklänge mitschwingen. Auch durch die erdige, schrundige Qualität der
Farbmaterie erscheint die Oberfläche dynamisch strukturiert. Alle getroffenen malerischen
Entscheidungen sind unmittelbare Ergebnisse einer eingehenden Selbstbeobachtung: „Ein Tun und ein
Reagieren. Ein Aufbauen und Zerstören.“ (Tollens)
In GERARD HEMSWORTHs Szenarien auf ebenmäßig einfarbigem Grund weicht der spontane, subjektive
Impuls malerischer Geste ganz der kontrollierten Umrisslinie und präzise angeordneten Farbfeldern.
Diese ergeben Figuren und Gegenstände, deren extrem schematisierte Darstellung die Nähe zum Comic
oder auch Piktogramm nahelegt. Neben horizontal und vertikal gelagerten Balken und parallelen Linien
erscheint die gestrichelte Silhouette eines Kaktus, dessen zylindrische Sprossen soldatisch aufrecht
stehen. Durch ihre schablonenhafte, gleichsam entpersonalisierte malerische Handhabung stellt sich die
extreme Gleichwertigkeit aller auf einer Bildebene angesiedelten Elemente ein. Es gibt zudem keine
hierarchisierende Perspektive, alles ist flach und einheitlich erfasst, so dass sich ein All-Over Effekt
einstellt, jedoch nicht im Sinne gestischer malerischer Setzungen wie beim Abstrakten Expressionismus,
sondern beinahe auf textueller Ebene. Statt die Ungegenständlichkeit als Wesensmerkmal der
Abstraktion zu behaupten, verwendet Hemsworth die Figuration um die Abstraktion auf der Ebene der
Lesbarkeit deutlich werden zu lassen indem er die Motive als austauschbare Zeichen einsetzt, deren
Sinn sich in immer neuen Bedeutungszusammenhängen konstituiert.
OLAV CHRISTOPHER JENSSEN beschreibt seine Vorgehensweise wie folgt: „Ich habe das Prinzip, mich
nicht selbst zu korrigieren.“ In seinen zumeist farbenfrohen Werken vereint er verschiedene Stile und
Spielarten der Malerei. Offen lässt sich Jenssen auf einen dynamischen malerischen Prozess ein,
zwischen Spontanität und Regelhaftigkeit ergeben sich mitunter kontrastierende Ausdrucksformen.
Sowohl modellierende Bewegung als auch spielerischer Schwung bestimmen die Pinselführung. Die
Freiheit Jenssens, alles zuzulassen, dabei Spuren zu hinterlassen, ermöglicht die Gleichzeitigkeit
diverser Elemente: blockhafte Farbflächen, ornamentale Figuren, Staccato-artige Stricheleien,
Farbschlieren und streng geometrische, aber auch vegetabil anmutende Formen, sogar Buchstaben sind
in seinen Bildern vertreten. Überlagerungen, Verwischungen, Andeutungen von Gegenständlichkeit
ermöglichen dem Betrachter, eine Spur aufzunehmen, deren Verlauf ihn jedoch in die Wirrungen des
malerischen Kosmos entlässt.
DAVID REEDs Motivrepertoire setzt sich aus spezifisch malerischen Komponenten, quasi medialen
Attributen zusammen. So zitiert und variiert er vielfach den Pinselstrich, leicht und lasierend oder sich -
mit Farbmasse gesättigt - schwerfällig windend. Wie barocke Faltenwürfe und Gewandraffungen durch
die Drapierung der Hülle Körperlichkeit auszudrücken vermochten, so lässt die gekonnte Handhabung
des Pinsels eine Scheinwelt entstehen. Reed jedoch begibt sich nicht in die alternative Realität des
Illusionismus, sondern thematisiert die malerischen Mittel, durch die eine solche Täuschung zustande
kommt. Dabei gesteht er den malerischen Effekten eine eigenständige Entfaltung als Motiv zu. In
bildfüllender Opulenz erscheint die Malfigur selbst in nahezu barocker Art voluminös und mit
koloristischem Schmelz eine Existenz als bildhafte Verkörperung der Malerei zu beanspruchen.