(E-E) Evgenij Kozlov - E-E WEIGHT. SLEEP.
(E-E) Evgenij Kozlov
E-E WEIGHT. SLEEP.
4. Juni – 30. Juli 2016
1.
Der Zyklus E-E WEIGHT. SLEEP. , gesprochen Yeh Yeh Weight.
Sleep. – im russischen Original E-E ВЕС. СОН. (yeh yeh ves.
son.), zu Deutsch E-E Gewicht. Schlaf. – besteht aus zwei
Teilen, die jeweils eine doppelte Wahrnehmung zum Ausdruck
bringen. Sie unterscheiden sich in Material, Ausführung und
Konzept. In den Grafiken des ersten, 2009 begonnenen Teils
notiert (E-E) Evgenij Kozlov täglich zweierlei Realitäten seines
menschlichen Erlebens. Dies hat er auf einem kleinen Zettel
festgehalten:
„Наличие цифр в рисунках „сон“ и „вес“ является
скрупулезным фиксированием физического состояния
моего тела.“: „Die Anwesenheit der Ziffern auf den
Zeichnungen Schlaf und Gewicht hält akribisch den
physischen Zustand meines Körpers fest.“
Auf diese Weise erhält Kozlov zwei substantielle Messgrößen
seiner menschlichen Existenz. In Bezug auf das
Tagesbewusstsein ist es der Zustand in der Materie oder
die Schwere, gemessen durch das Gewicht (WEIGHT) –
zwischen 74,0 und 78,8 kg.
In Bezug auf das Nachtbewusstsein ist es die Uhrzeit, zu der
der Schlaf eintritt, das heißt, der Augenblick, wenn der
Zustand außerhalb der Materie beginnt (SLEEP), zwischen
23.00 und 9.00 Uhr morgens. Damit erfährt er etwas über
sein fluktuierendes Selbst, was ihm ohne diese
Aufzeichnungen entginge: Er objektiviert sich
gewissermaßen.
Diese Papierarbeiten, überwiegend im DIN-A4-Format, sind
darüber hinaus mit Zeichnungen versehen und zum Teil
collagiert. Derzeit sind es circa 100 Blätter.
Der zweite Teil des Zyklus’ entsteht seit 2015 und besteht
bislang aus 32 Einzelgemälden und zwei Triptychen. Es
handelt sich um Malereien auf Leinwand, überwiegend im
Format 70 x 50 cm. In diesen doppelseitigen Gemälden liegt
die Dualität nicht im Wechsel von Tagesbewusstsein und
Nachtbewusstsein, sondern im Wechselspiel von
vorne/hinten,
außen/innen, Hauptansicht und Gegenansicht.
Die figurativ-abstrakten Motive wurden zunächst auf die
Rückseite der Leinwand gemalt, von wo aus sie sich
spiegelbildlich auf der Vorderseite abbilden. Man kann hier die
Metaphern Gegenraum und Raum verwenden: Der dem Auge
nicht zur Verfügung stehende Gegenraum, die Rückseite,
projiziert sich in den sichtbaren Raum hinein, in die
Vorderseite. Dort werden die Motive fortgebildet und
erzeugen einen neuen Rauminhalt. Auf der Rückseite zeigen
sich die Motive zeichenhafter, elementarer, auf der
Vorderseite komplexer, lyrischer. Eine gleichzeitige
Wahrnehmung von Gegenraum und Raum ist hypothetisch
möglich – indem man gedanklich das Bild um seine
Längsachse rotieren lässt.
Die beiden Teile des Zyklus sind in einem jeweils eigenen Stil
ausgeführt. Gemeinsam
ist ihnen Kozlovs unverwechselbar elegante und sichere
Linienführung, sein Gespür für Farben und Kontraste und der
feine Humor. Die Lebendigkeit des Ausdrucks – nicht nur
der Figuren, sondern auch der abstrakten Elemente wie
Linien, Kreise, Ziffern – führt den Zyklus über den
konzeptionellen Ansatz hinaus.
E-E WEIGHT. SLEEP. beginnt mit technischen Notationen zur
menschlichen Existenz und führt zur Schaffung subtiler
Harmonien. Die Entwicklung und Beherrschung einer
anspruchsvollen Technik ist dafür die Voraussetzung. Beide
Teile des Zyklus werden fortgeführt und sind nicht auf ein
Ende angelegt.
(E-E) Evgenij Kozlov
geb. 1955 in Leningrad (St. Petersburg), Russland, war in
den 1980er Jahren aktives Mitglied der Leningrader
Avantgarde-Gruppe Новые художники (Die Neuen Künstler);
internationale Ausstellungen folgten ab 1988. Seit Beginn der
1990er Jahre lebt der Künstler in Berlin, wo er in seinem
Atelier Russkoee Polee / Das Russische Feld (1994 – 2008)
gemeinsam mit Hannelore Fobo auch Ausstellungen, Konzerte
und andere Veranstaltungen durchführte.
Sein umfangreiches Werk umfasst eine Anzahl großer Zyklen
wie Miniaturen im Paradies von 1995: Die sechzehn Gemälde
im Format von 5 x 2 m wurden nach ihrer Fertigstellung an
der Berliner Siegessäule an Fahnenmasten gehisst
ausgestellt.
Häufig erstrecken sich Kozlovs Zyklen über einen längeren
Zeitraum (Century XX, Teil 1, 1982 – 2008, und Teil 2, 2008
– 2016). Seine Beobachtungen zu künstlerischen Prozessen
der Gegenwart formulierte er 2009 zu einer Theorie der
CHAOSE Art; das E ist dabei ein Rückgriff auf die von ihm seit
2005 verwendete Signatur E-E, gesprochen Yeh-Yeh.
In der von Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali
Subotnick herausgegebenen Publikation Charley 05 (Deste
Foundation for Contemporary Art, 2007) wurde er für die
Galerie der Obsessionen in die Liste der hundert „großen, für
sich stehenden Meister“ (“great solitary masters”)
aufgenommen.
In den vergangenen Jahren beteiligte sich (E-E) Evgenij
Kozlov unter anderem an Ausstellungen im New Museum,
New York (Ostalgia, 2011), im Moscow Museum of Modern Art
(The New Are Here!, 2012), auf der Biennale von Venedig
(The Encyclopedic Palace, 2013) und im Multimedia Art
Museum, Moskau (Zero Object, 2014). Ende 2016 folgt Notes
from the Underground im Muzeum Sztuki, Lodz.
Die Kuratorin Hannelore Fobo studierte an der FU Berlin
Sprachwissenschaften, Politik und Lateinamerikanistik und im
Aufbaustudium Osteuropawissenschaft. Ende der 1980er
Jahre begann sie mit der Organisation von
Kunstausstellungen. Seit ihrer Bekanntschaft mit Evgenij
Kozlov im Jahre 1990 kuratiert sie sein Werk. 2003 gab sie
Das Leningrader Album (Konkursbuch Verlag, Tübingen)
heraus, eine Sammlung von Kozlovs frühen erotischen
Zeichnungen. Sie ist Mitglied der AICA (International
Association of Art Critics).
Als Autorin widmet sie sich kunstphilosophischen Themen.
Titel ihrer Essays sind unter anderem Bild und Abbild oder
Schiller. Idee, Ideal und Schein. Für die nächste Zeit plant sie
die Herausgabe weiterer Zyklen Kozlovs, zunächst E-E Fairy
Tale und Century XX.
Zur Ausstellung, die parallel zur 9. Berlin Biennale läuft und
am 4. Juni 2016 eröffnet wird, erscheint bei EGBERT BAQUÉ
CONTEMPORARY, Berlin, (E-E) Evgenij Kozlov, E-E WEIGHT.
SLEEP., ein 192-seitiges Buch mit mehr als 130 Abbildungen,
herausgegeben und mit einem Text (Deutsch/Englisch) von
Hannelore Fobo.
EGBERT BAQUÉ CONTEMPORARY
office@berlin-contemporary-art.com
www.berlin-contemporary-art.com