DETLEF ORLOPP "KÖPFE"
„schauen sie sich meine menschenköpfe an – auch in sie habe
ich diesen mittag gezeichnet der sich an uns zu einem gesicht
formt der linie der augenbrauen / den backenknochen / mund
und blick die sich auszudrücken beginnen sobald sie
zurücktreten ins weiss und alles flüchtige sich auf dem papier
verliert / sie werden dann zu dem einzelnen zu dem das licht
uns blossstellt: durchbohrt uns aufgelöst von ihm / nicht
maske und auch nicht person – sondern individuum: unteilbar
zwischen anfang und ende gebannt / silbern die augen weit
geöffnet / das gesicht symmetrisch im achsenkreuz die
bildfläche füllend starren sie ihnen still entgegen: so
regungslos und offen uns herausfordernd das zu sehen aus
dem wir bestehen – es zeigt sich in dem was das licht von
einem übriglässt / der nacht die sich in einer dunkelkammer
zum tag verkehrt / schrot und korn die derart wieder licht
werden / gleich wie unberechenbar abgründig wir sind wie
leidenschaftlich stolz oder durchdringend wir uns geben: wir
bleiben ein kontaktabzug der natur / schatten nur in ihrem
leben“ text: raoul schrott.
Das Gesicht zeigt und versteckt etwas. Detlef Orlopp (1937 in
Elbing/Westpreußen geboren) begann in den 1960er Jahren
eine großformatige Fotoserie von Gesichtsstudien. Seinen
Seestücken und Gebirgshängen vergleichbar, haben wir es
dabei mit einer sachlichen Kartographie menschlicher,
überwiegend weiblicher, Gesichtszüge zu tun. Es sind zeitlose
analoge schwarz-weiß Fotografien, in denen er ebenso die
proportio divina wie den Blickpunkt einer göttlichen Überschau
vermeidet. Die serielle Erfassung der Oberfläche dieser Erde
entwickelt sich parallel zur Erfassung menschlicher
Physiognomien, die ein Erstaunen darüber hervorrufen, wie
sich alles Vereinzelte, Vielfältige zum Typischen ausbilden
kann. Die serielle Erfassung der Oberfläche dieser Erde
entwickelt sich parallel zur Erfassung menschlicher
Physiognomien, die ein Erstaunen darüber hervorrufen, wie
sich alles Vereinzelte, Vielfältige zum Typischen ausbilden
kann. Es beschleicht den Betrachter eine Ahnung des
Irrglaubens vom Gesicht als Träger der individuellen
Authentizität – vielmehr offenbart sich das Gesicht hier als
Schauplatz eines Selbst, in dem sich Geschichte spiegelt.
Das Gesicht wird „erst zum Gesicht, wenn es mit anderen
Gesichtern in Kontakt tritt, sie anschaut oder von ihnen
angeschaut wird“ schreibt Hans Belting. Und so sehen wir in
Orlopps Porträts Gesichter im Begriff des Angeschautwerdens.
Sie zeigen nicht das „Natürliche“ im Sinne des
Naturalistischen, so John Anthony Thwaites, sondern vielmehr
das menschliche Antlitz als Zeichen. Die Momentaufnahme
liegt in der „Natur“ der Fotografie, doch Orlopp versenkt diese
Momente in einer Dauer des Sehens und Gesehen-Werdens,
einer Stille, wie Orlopp sagen würde. Die Erhabenheit und
Ruhe, mit der uns Gebirgsreliefs in den Fotografien entgegen
kommen, vermeinen wir in den Gesichtszügen der
Fotografierten wiederzufinden – nicht jedoch im Sinne eines
Spiegels der Seele der Abgebildeten, sondern vielmehr als
Schauplatz der elementaren Mehrdeutigkeit des Gesichts, des
Menschen und der Natur.
Unter dem Titel „nur die Nähe – auch die Ferne“ widmete
zunächst das Museum Folkwang in Essen dem Künstler Detlef
Orlopp eine umfangreiche Retrospektive, die derzeit auch im
Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg zu sehen ist.
Text: Birgit Kulmer.