Felix Schneeweiß - Best Boy
PRESSETEXT
Felix Schneeweiß – Best Boy
Man muss ein Gefühl einfach selbst erfahren haben, um es zu begreifen. Dies ist vielleicht am besten zu vergleichen mit der Arbeit eines Chefkochs. Auch der kann erst dann etwas auf seine Speisekarte setzen, wenn er es selbst probiert hat.
Sonst funktioniert es nicht, unmöglich, das Gericht hätte andernfalls keine Seele.
Die Situationen, die Felix Schneeweiß in den Ausstellungsräumen von cubus-m produziert, erinnern an das Ambiente eines Jugend- oder Schulzimmers. Irgendwie riecht es nach Sportunterricht und Tinte, auch wenn nicht geschrieben wird und das Trikot direkt aus der Reinigung kommt (... isn't always a bowl of cherries, 2014). Die Luft ist durchtränkt von der Subjektivität des Künstlers, seinem Netzwerk, seiner Vergangenheit, seinen persönlichen Erinnerungen und Beziehungen. Die Stimmung ist dabei nicht ausgelassen, im Gegenteil, fast allem haftet ein Zuende und Abschied an, nicht ohne Nostalgie. Die Gefühle des lesenden und sehenden Beobachters werden dirigiert und komponiert, schwankend wie im Teenagealter, auf Happy
(2013) folgen Tränen, als ob man jetzt bereits wüsste, dass der schönste Moment, die beste Zeit, gerade (oder sogleich wieder) vorüber wäre. Schneeweiß macht mit seinen gezielt gesetzten Spuren dem Besucher jeden seiner Schritte bewusst: und vermag dadurch, das Verschwinden – eines Gefühls, einer Person, eines Erlebnisses – aus dem Bewusstsein noch einen Moment hinauszuzögern.
Titel können zu Eintrittskarten für Außenstehende werden:
Oft widersinning oder bewusst paradox in ihrer Wirkung, eröffnen sie im Zusammenspiel mit den alltäglichen Objekten und Gegenständen Zwischenräume, die sich mit individuellen Empfindungen auffüllen lassen. Dabei changieren die gezeigten Arbeiten zwischen Rekapitulation und
(künstlerischer) Selbstverortung: Die eigene Identität und seinen Namen stellt Schneeweiß in Genealogie mit Künstlerikonen aus seiner persönlichen Hit- und Wunschliste von Klassenkameraden, in Form von zehn unbeschriebenen Schulheften, aufgereiht auf einem Regalbrett, betitelt lediglich mit den Eigen- und abgekürzten Nachnamen ihrer vermeintlichen Besitzer (Die Klasse von eben, 2013). Das zukunftsträchtige Gegenstück, Die Klasse von morgen
(2013/2014), weckt Emphathie, jedoch wenig Hoffnung: sie besteht aus Fotografien von fünf – guten bis sehr guten –
Freunden des Künstlers, hier zusammengefügt in einen gemeinsamen Rahmen, die sich, unabhängig voneinander, mit verweinten Gesichtern in Passbildautomaten ablichten ließen. Daneben bilden weggefegte Konfettis einer verpassten Feierlichkeit nun ein Hindernis, welches bei jedem Überschreiten zum Zurückdenken zwingt. Kleinformatige, fortlaufend nummerierte und als Fries gehängte Zeichnungen artikulieren den nonverbalen Ausdruck des Künstlers zwischen seinen Objektfindungen. Ein mit Bitumen überzogener Kranz mit dunkler Schleife wird – ohne personifizierende Indikatoren – zum Symbol des Eingedenkens und weist sich dabei als unspezifischer Liebesbeweis aus (This is why I love you, 2014). An anderer Stelle spricht Schneeweiß auf in 100-facher Auflage produzierter Schallplatte – erhältlich einschließlich vermummtem Künstler-Portrait im Posterformat – den Satz
'bitte erinnere dich an mich, bitte'. Davor und danach brummendes, synchron zur Erwartungshaltung ansteigendes und abfallendes Rauschen: das endlose Ende der bewahrenden Aufzeichnung (Bitte, 2013). Schließlich markiert der auf einem Galeriefenster hinterlassene Abschiedskussmund die (räumliche) Schwelle zwischen öffentlich und privat, zwischen persönlicher Berührung und Geste sowie allgemein-lesbarem bzw. übertragbarem Zeichen, welches Abwesendes heraufbeschwört und wohl nur bei Ungeküssten keine Erinnerung auslöst (public affairs, 2014).
Möglicherweise rettet sich etwas von der Poesie der hier gezeigten Arbeiten zurück in den Alltag, wenn von einem Besen zurückgeschobene Partyreste, ein zufällig wiedergefundenes Schreibheft, Andenken oder Kleidungsstück eine Sehnsucht umschreiben: dass die Dinge damals irgendwie besser waren als heute und doch in Wirklichkeit nie so gut, wie sie rückblickend erscheinen.
Julia Müller