Kerstin Honeit - say it like it is
Der sloganhafte Titel von Kerstin Honeits erster
Einzelausstellung say it like it is bei cubus-m suggeriert
zweierlei: zum einen, dass eine Galerie als ein Ort fungieren
kann, an dem „Klartext“ geredet werden und damit trotz
ihrer kommerziellen Ausrichtung ein Forum für politische
Themen bieten kann. Zum anderen suggeriert er eine enge
Verknüpfung der Aussagekraft und des Wahrheitsgehaltes
von gesprochener Sprache mit ihrem politischen
Handlungspotential. „Say it like it really is, do it like it really
is“ heißt es dementsprechend in einer Zeile der
sozialkritisch-aktivistischen Hiphop-Formation Public Enemy,
die ihre Konzerte häufig zugleich als öffentliche
Protestveranstaltungen nutzt. Das politische Potential von
Kerstin Honeits künstlerischer Praxis liegt nun gerade in den
von ihr inszenierten Diskrepanzen von „Saying“ und
„Doing“ und den Handlungs- und Spielräumen, die sich
hierdurch eröffnen.
Thematisch kreisen die drei in der Ausstellung präsentierten
Videoarbeiten Joint Property (2013), Pigs in Progress (2013)
und On & Off (2010) um Gentrifizierungsprozesse in Berlin
sowie der Frage nach persönlichem Besitz und
Erinnerungen. Was sie vereint, ist die Auseinandersetzung
mit der medialen Verkörperung von Stimme und den hierin
impliziten Verfahren von Aneignung und Zuschreibungen.
Letzteres wird besonders bei der Synchronisierung von
Filmen evident – ein Thema, das Kerstin Honeit seit
längerem verfolgt. Die Stimme, die wir hören, entspricht
hierbei nicht dem Körper, den wir sehen. In der
Filmgeschichte hat dies gerade in politisch brisanten Zeiten
in Hinsicht auf das tatsächlich gesprochene Wort Anlass zu
Manipulationen geboten, sowie, und das bis heute, auch in
Bezug auf die Genderperformanz der Stimmen.
Kerstin Honeit greift diese Implikationen auf, in dem sie in
ihren Arbeiten selbst stets eine scheinbar neutrale Position
einnimmt und, wie in Pigs in Progress und On & Off, als
vermittelndes Medium geliehener Stimmen
unterschiedlicher Figuren wie Politiken dient, die sie im
Playback wiedergibt und somit im wörtlichen Sinne
verkörpert. Umgekehrt wird in Honeits direkt für den
Ausstellungsraum produzierten und bereits von außen zu
erblickenden
Doppelprojektion Joint Property ihr eigener Körper durch
immer absurder werdende Requisiten (im Englischen
„props“) einer Wandlung unterzogen, die ihm sein jeweiliges
Ebenbild im Wechsel zuwirft. Hierdurch werden nicht nur
eindeutige geschlechtliche Zuordnungen zunehmend
verunklärt, sondern zugleich auch Aspekte von Lust und
Begehrlichkeiten aufgerufen. Verfahren der Zuschreibung
und Aneignung lassen sich somit kaum mehr voneinander
trennen. Ihre Entsprechung findet dieses Prinzip der
Veruneindeu- tigung in den zwischen den einzelnen Akten
der Wandlung von verschiedenen Stimmen gerufene Worte
wie „Economy“ oder „Night out“, da sie sich prinzipiell
sowohl auf den vorangegangen als auch den folgenden Akt
beziehen lassen.
„Doing“ impliziert in Kerstin Honeits Arbeiten folglich immer
auch ein „Doing Gender“, das durch das „Saying (Gender)“
zugleich unterstützt wie konterkariert wird.
Fiona McGovern