Landschaften aus Pjöngjang
Künstler des nordkoreanischen Mansudae Art Studios in der
galerie son
Nur wenige Schritte von der nordkoreanischen Botschaft in
Berlin entfernt, stellt die galerie son ab Ende August ein
paar der renommiertesten Künstler des Mansudae Art
Studios aus Nordkorea vor. Die Gemälde und Graphiken
wurden vor Ort in Pjöngjang ausgewählt und zeigen eine
Vielfalt von Stilen und Techniken im Umgang mit dem
Thema Landschaft, das seit den 70er Jahren bei den
Mansudae-Künstlern ein beliebtes Sujet ist. Wasser, sei es
als See, Fluss oder Wasserfall, spielt in den meisten Werken
eine zentrale Rolle, wie auch die bergige koreanische
Landschaft. Keineswegs sollte die Künstlervereinigung
Mansudae als eine Variante des chinesischen Künstlerdorfes
Dafen, wo man in industriellem Ausmaß Kopien anfertigt,
verstanden werden: Das Mansudae Art Studio fertigt zwar
auch „Gebrauchskunst“ an – darunter offizielle Skulpturen
und Denkmäler, die über die Mansudae Overseas Projects
gerne auch aus Afrika in Auftrag gegeben werden – es ist
aber zugleich ein Zusammenschluss von ca. 1000
individuell auf höchstem Niveau arbeitenden Künstlern, die
eine lange Ausbildungszeit und ein forderndes Studium
durchlaufen haben.
Diese Ausstellung ist die erste Etappe eines längerfristigen
Projektes der galerie son, die im Herbst nordkoreanische
Künstler zu einem längeren Arbeitsaufenthalt nach Berlin
einladen wird. Später soll ein Austausch auch mit
südkoreanischen Künstlern stattfinden, eine Annäherung
ähnlich derer, die zwischen Künstlern aus Ost- und
Westdeutschland nach dem Fall der Mauer stattfand: ein
Zusammenkommen im Bereich der Kunst als kleines
Wunder! Die ausgestellte Kunst zeigt, entgegen unserer
Erwartungen in Bezug auf Nordkorea, ein Bild der völligen
Normalität. So stellt KIM Myong Un in impressionistischen
Pinselstrichen das am Fluss Taedong gelegene Pjöngjang
voll flirrender Lichter in einer Abendstimmung, die sowohl
ein heiteres Paris des fin-de-siècle mit seinen Brücken über
der Seine wie auch eine heutige asiatische Megacity
evoziert. Im Hintergrund ist ein pinselförmiges Hochhaus zu
sehen, das die Chuch’e-Ideologie von Kim Il Sung
repräsentiert.
Die Künstler haben die Vorgabe, eine Kunst zu schaffen, die
einen den Volksmassen verständlichen Inhalt hat und die
Ideen von Sozialismus und Gemeinschaft verkörpert. Die
Chuch’e-Ideologie bezog die Intellektuellen in das
Vorantreiben der Nation ein: So zeigt das Emblem der
Koreanischen Partei der Arbeit außer Hammer und Sichel
auch den Pinsel als deren Symbol.
In solch einer Ideologie ist abstrakte Kunst nicht möglich,
die Maler können aber gerade über die Darstellung von
Wasser große Flächen in ihre Werke integrieren, die sowohl
die Virtuosität des realistischen Malens wie auch den Reiz
des Abstrakten in sich vereinen. Das wird besonders
deutlich im Ölbild von KIM Song Gun, das eine
Küstenlandschaft mit sich wild aufbäumenden
Wassermassen zeigt, im Hintergrund zerklüftete
Felsformationen der Kumgang-Berge, die durch die
Einwirkung des Wassers zu kollabieren scheinen. Die
Darstellung winziger Möwen im Vordergrund lässt das
Wasser noch stärker als Inbegriff eines machtvollen
Naturelements erscheinen. Ob die Wucht des
grünleuchtenden Wassers eher als Parabel für ein Regime
oder schlichtweg für den Lauf der Zeit steht, das bleibt dem
Betrachter überlassen. Dieses Bild ist eine Fassung eines
Gemäldes, das gerne als Hintergrund für offizielle Fotos - so
auch beim Besuch von Bill Clinton 2009 - benutzt wurde
und vom Journalisten Eric Gibson im „Wall Street Journal“
allzu schnell als „totalitärer Kitsch“ verdammt wurde. Aber
auch er erkannte, dass „die Wellen größer waren als die
Honoratioren, die für das Bild posierten, und sie
beherrschten den Vordergrund so, als wären sie dabei,
auszubrechen und die versammelten Würdenträger zu
ertränken“.
Viele Mansudae-Künstler arbeiten noch in traditionellen
Techniken mit langer Tradition. Es werden Holzschnitte und
die chonsunhua genannte Pinsel-und-Tusche-Malerei zu
sehen sein, die in Korea immer etwas wagemutiger als in
China ausfiel. Einen besonderen ästhetischen Reiz entfalten
die Holzschnitte des Künstlers HONG Chun Ung. Er zeigt
zwei Ansichten des Berges Baekdu in all seiner Erhabenheit
und Majestät: den Berg in der Ferne und den See, der sich
in seinem schneebedeckten Krater gebildet hat. Die
ungewöhnlichen Farben leuchten lackähnlich und sind eine
Besonderheit des koreanischen Holzschnittes.
Der Baekdusan (san=Berg) ist von zentraler Symbolik
sowohl für Nord- wie auch Südkorea, denn er wird als ein
heiliger Ort gesehen, wo der Ursprung der koreanischen
Nation in Urzeiten liegt. Dort soll das erste Reich von
Gojoseon 2333 v. Ch. gegründet worden sein. Von
nachfolgenden Dynastien wurde der Berg weiterhin verehrt,
die Nordkoreaner haben ihn auch in sozialistischer Hinsicht
mythifiziert, als ein Ort des Widerstandes gegen die Japaner
durch Kim Il Sung und als Geburtsort von Kim Jong Il.
Durch die Wechselfälle der Geschichte gehört dieser Berg
und der Kratersee jetzt zur Hälfte Nordkorea und China.
Michel Poivert schrieb über die Mansudae-Künstler: „Wir
werden Zeugen einer Menschlichkeit, die durch die
Sanftheit der dargestellten Körper und Haltungen an die
Oberfläche kommt, und die dem Anschein nach die
fortdauernden Bilder der Autorität in ihrem innersten
Herzen ablehnt“. So sind die ausgestellten Künstler in ihren
weicheren, „traditionelleren“ Werken oft am
„zeitgenössischsten“ und am nächsten. Und uns wird ein
Blick in eine Welt zuteil, in der Künstler unter völlig anderen
Bedingungen arbeiten.
von Verena ALVES-RICHTER