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03.03.2012 – 21.03.2012

Selket Chlupka - The Marble Trail (Installationen, Malerei und Collagen)

SELKET CHLUPKA: THE MARBLE TRAIL

Wer rechten Sinn für den Zufall hat, der kann alles Zufällige
zur Bestimmung eines unbekannten Zufalls benutzen – er
kann das Schicksal mit gleichem Glück in den Stellungen
der Gestirne als in Sandkörnern, Vogelflug und Figuren
suchen.
Novalis: Neue Fragmente. Noten an
den Rand des Lebens

Zufall ist selber nur das Aufeinanderstoßen der schaffenden
Impulse. 

Friedrich Nietzsche:
Nachlass

Verästelte Landschaft in dunkle Nacht gefasst: dort
krustierend wachsende Rotalgen, hier zähflüssige oder
bereits erstarrte Lavaströme, dort unterirdische Wasserläufe
in dolenartigen Senken – schlot- oder trichterförmig –
mündend, dort Mangrovenbäume, deren Stelzwurzeln in
schimmernden Schlamm greifen, von Nebel umgeben. Oder
ein Antlitz, das grell aufblitzt, von zartwandigem Geäst
verdeckt, vielleicht ein Märchenwald, vielleicht ein dunkler
Abdruck – darunter sicher auch The Marble Trail, der in die
Tiefe führt, einmal als gangbarer Weg, hier als moorastiger
Pfad, dort nur als vage Spur in den Hintergrund – ein
tausendfacher. Denn Selket Chlupka nimmt uns nicht an
der Hand und zeigt uns den einen Weg, die eine Lesart,
vielleicht das Schimmern des Mondes auf der
Wasseroberfläche, wabernde Nebelschichten von der
untergehenden Sonne schwach erleuchtet. Nein, Selket
Chlupka zielt nicht auf archetypische Urbilder, die sich über
Mythen/Märchen/Bilder in uns eingravierten und nach
Entsprechung auf Leinwand suchen. Es ist diese ihr
eigentümliche Arbeitsweise, aus der alles, gewollt oder
nicht, als Möglichkeit entwächst und zum wilden Assoziieren
und Sich-Verlieren einlädt.
Nur wie? Um den Zauber zu nehmen, der sich dort
ausbreitet, um die Arbeiten eben nicht als märchenhafte
Nebel- oder Zauberwaldlandschaften gänzlich
festzuschreiben, hilft ein Blick ins Atelier, den Selket
Chlupka quasi in der Ausstellungsfläche leise mitverhandelt.
Dort sehen wir dunkel grundierte Bilder, denen erst Cut-
Outs aufgelegt und die dann mit Lack übermalt werden.
Was unter der Cut-Out-Schablone geschieht, bleibt
ungewiss. Lackschichten lässt die Künstlerin ineinander
verlaufen, ornamentale Schlierenmuster, an Marmor
erinnernd, entstehen, deren letztendliches Erscheinungsbild
nur bedingt kontrollierbar ist. Das Cut-Out zeichnet sich
förmlich selber auf die Leinwand, trifft auf diese,
wohingegen die Bildspuren sich auf dem Cut-Out
wiederfinden. Cut-Out und Leinwand: beide sind Kunstwerk
und Werkzeug zugleich, sie sind jeweils Mittel zum Zweck
und Sinn und Zweck, als wäre eben der Prozess der
Entstehung gleichwertig zum finalen Bildprodukt und vom
Betrachter kaum zu unterscheiden. Doch nicht nur das:
beide sind schaffender Impuls – ganz im Sinne Nietzsches
–, die im Aufeinanderstoßen nichts mehr Berechenbares,
sondern eben Zufälliges hervorrufen. Ein Zufall, der gewollt,
der inszeniert ist. So sehen wir Lacklinien über das Bild
geträufelt, beinahe symmetrisch dieses überziehend. Doch
auch hier vermuten wir die geführte Hand dahinter, eben
jene von Novalis ersehnte Person, die rechten Sinn für den
Zufall hat, die Lack aufträgt, bis er zum Stillstand kommt:
ein Hin und Her zwischen Zufall und Kontrolle. Also ist The
Marble Trail auch der Weg seiner Entstehung, auf dessen
Spuren man sich begeben kann. Doch wie gesagt: er ist ein
individueller, er ist auf den Betrachter angewiesen, der ihn
begeht, als ob er alle Wege in sich trüge.
Kevin Kuhn

www.berlin-contemporary-art.com