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Lars Theuerkauff




Details
Lars  "Lars Theuerkauff" Theuerkauff
(1968)
 
Kontakt
Lars Theuerkauff
 
Tel: 4971193342415
   
 Über Lars Theuerkauff
Die Aufgabe des KĂĽnstlers besteht darin, das darzustellen, was
zwischen dem Objekt und dem Künstler steht – nämlich
Schönheit, die Atmosphäre und das Unmögliche.
Claude Monet

Vom Chaos zum Kosmos. Die Methoden und Malstrategien von
Lars Theuerkauff

Fingerfarbenmalerei käme einem zuletzt in den Sinn, wenn
man eine Ausstellung des Malers Lars Theuerkauff besucht.
Ganz im Gegenteil, man stellt sich beim Betrachten seiner
tizianischen Malweise eher ein Atelier vor, das mit Pinseln,
Spateln und Malwerkzeugen aller Art vollgestellt ist.

Besucht man Lars Theuerkauffs Atelier, in dem er manchmal
auch wohnt und schläft, ist nichts dergleichen zu sehen. Zum
Malen dienen dem KĂĽnstler lediglich eine Palette, ein altes
Palettmesser, Acrylfarbe und, tatsächlich, seine Hände, mit
denen er in direktem Kontakt die Farben aufträgt. Von den
Bildern – Theuerkauff arbeitet immer an drei bis vier Werken
gleichzeitig – hängt immer eines neben dem Balkonfenster im
idealen Arbeitslicht.

Wer Theuerkauffs Malen ohne Pinsel erlebt, wird Zeuge eines
unmittelbaren, sehr körperlichen Kreationsprozesses. Nach
einer groben Anlage des Motivs auf der Leinwand mittels
Palettmesser wird mit der rechten Hand Farbschicht um
Farbschicht aufgetragen, da wird gezogen, gerieben,
hingespritzt, mit dem Daumenballen abgewischt – und was die
Hand noch an unzähligen weiteren Möglichkeiten bietet.

Skrupolös setzt Theuerkauff mit den Fingerkuppen helle
Farblichter ins Bild, die, kaum dass sie stehen, wiederum mit
ein, zwei fächelnden Bewegungen des Hand-rückens weich
und unscharf gemacht werden – um schließlich mit einem
kräftigen Aufdrücken des Handballens doch wieder etwas vom
gerade genommenen Licht zurĂĽckzubekommen. Mit solchen
Handbewegungen arbeitet der Maler an allen Partien eines
Bildes, fast gleichzeitig, möchte man glauben, wenn man dem
Maler bei der Arbeit zusieht. An den dunklen wie an den hellen
Stellen, an diffizilen Details ebenso wie am summarischen
Hintergrund. Dieser flirrende Malprozess wird nur
unterbrochen vom gelegentlichen Vor- und ZurĂĽcktreten des
KĂĽnstlers, dann, wenn er blinzelnd den Zustand des Werks
prüft, immer wieder seine Meinung ändert, mit dem
WassersprĂĽher Bildteile neu befeuchtet. Zuweilen drĂĽckt er
angetrocknete, schon krĂĽmmelnde Farbe aus dem Tubenhals
direkt ins Bild, verreibt die Farbbrocken rasch mit dem
Handrücken oder lässt sie als dicke Krumen einfach stehen.
Dabei klebt ihm schon längst eine andere Farbe an den
Fingern, ein dreckiges, schmodderiges Grau, das zudem ĂĽbel
riecht, und mit dem es eine eigene Bewandtnis hat … Diese
Handgemenge beginnen immer wieder von Neuem, bis das
Bild zum Trocknen abgehängt werden muss und von einem
der anderen in Arbeit befindlichen Werke ersetzt wird.
Zwischendrin nimmt Theuerkauff immer wieder einen
kräftigen Schluck aus einem großen, irdenen Humpen:
lauwarmer, schwarz gebrĂĽhter Tee.

Im Laufe dieses langsamen, allmählichen Verfassens seiner
malerischen Gedanken im Stehen, in diesem ständigen
Verwerfen und Neuentdecken malerischer Ideen, im Infrage
stellen ganzer Partien (man müsse, sagt Theuerkauff, „immer
neue Proportionen suchen, hinterfragen, aufbrechen“), ja im
Infragestellen des ganzen Bildes durch eine neue Farbe, eine
neue Atmosphäre, kann es im glücklichsten Fall passieren,
dass der Maler das ganze Bild in ein neues, anderes Licht
rĂĽckt. Er setzt es in eine noch nicht dagewesene Stimmung
und zwingt sich selbst zu neuen SchlĂĽssen und Wegen, die zu
gehen Kompass und Karte seiner Kunst sind. Läuft es weniger
glĂĽcklich, dann hat sich der KĂĽnstler verlaufen: Solche Bilder
betrachtet er als ruiniert.

Achtzig Prozent seiner Arbeitszeit an einem Bild, meint Lars
Theuerkauff, bestehen aus diesem Laborieren mit der Farbe
auf der Leinwand. Den Rest verwende er auf das Anlegen des
Motivs: Diese ersten BildentwĂĽrfe sehen auf der
ungrundierten, grauen Leinwand sehr plakativ und sehr genau
aus. Das liegt an der präzisen Übertragung von einer
fotografischen Vorlage, von der noch zu reden sein wird. Hier
wirkt noch alles frisch, beinahe lecker gemalt und: eigentlich
schon fertig.

Tatsächlich geht es an diesem Punkt aber erst los. „Ich fange
mit Neonfarben an, wenn die Silhouetten aufgezogen und die
Komposition gemacht ist. Sicher verändert sich dann auch
nochmal was, aber der Grundbogen ist da. Und dann geht es
los, dann kommt das Funkeln dieser Farben. Die bauen eine
solche Gegenenergie untereinander auf … Ich bin sehr dankbar
ĂĽber diese Neonfarben. Die hab ich gesehen bei einem
befreundeten Maler, die sind echt eine Hilfe. Obwohl ich diese
Farben an und für sich ziemlich hässlich finde, bringen die
solch ein Leuchten rein. Hinterher sind sie kaum noch
sichtbar, aber am Anfang befreien sie die Form. Da ist ja
erstmal der Grauton der rohen Leinwand, dazu die Höhen und
Tiefen des Gewebes. Wenn dann Neonfarben draufliegen,
greifen sie die Formen an, lösen sie auf und versetzen das
Ganze in eine besondere Schwingung und Spannung. Alles
kommt in Fluß.“

Im weiteren Malprozess wird dieses Pulsieren dann immer
wieder angehalten, indem
Lars Theuerkauff aus einem Behältnis den bereits erwähnten,
trübgrauen Schmodder auf die Leinwand montiert. „Alle meine
Farbreste sammele ich in diesem Gefäß. So entsteht dieser
Grauton, der sich naturgemäß mit dem Malprozess verändert.
Beispielsweise von einem kühlen, bläulichen Grau hin zu
einem wärmeren Grüngrau – je nachdem, welche Palette ich
gerade verwende. Aber es bleibt immer ein grauer Ton: Nach
einer heftigen Malphase, wie am Anfang mit den sehr knalligen
Neonfarben, wo es spritzt und die Farben nur so fliegen, wo ich
den Kontrollverlust herausfordere und versuche, aus meiner
konzeptionellen Fassung herauszukommen, folgt eine ruhigere
Phase mit eben diesem Grau, das alles wieder nivelliert,
vereinfacht und luftig macht: Das ist meine Nullfarbe!“

Wie Lars Theuerkauff seine Bilder malt, kann man in seinem
Atelier erleben. Was er malt, ist auf den Bildern zu sehen:
Ohne klar definierte HintergrĂĽnde werden Menschen, ganz auf
sich gestellt in ihrer Leiblichkeit und meist nackt, aus ihrem
unmittelbaren, unklaren Umfeld heraus modelliert, geschöpft
aus Licht. Aus Licht, welches die Portraitierten changieren
lässt zwischen Verletzlichkeit und Präpotenz. Findet man
ausnahmsweise einmal zwei Menschen in diesen Bildräumen
vor, dann ist schon viel los an innerer Spannung. Und so sieht
man Doppelfiguren auch nur in innigen Beziehungen von
hoher emotionaler Komplementarität, wie in Theuerkauffs
Mutter und Kind-Serie.

So, wie in seinem eigentlichen Malprozess kontemplative und
aggressive Phasen Hand in Hand gehen, so, wie die Bilder die
Seh- und Sichtweisen des Betrachters immer wieder in Frage
stellen, so ist es Lars Theuerkauff von der Motivfindung bis zur
endgĂĽltigen Komposition vor allem darum zu tun, sich mit
keiner naheliegenden Antwort zufrieden zu geben. Wenn es
dann schlieĂźlich soweit ist, dass der Maler sich fĂĽr ein Bildmotiv
entscheidet, sei es – gelegentlich – ein vorgefundenes aus
Printmedien oder dem Internet, sei es – was die Regel ist –
durch ein Bild, das er in aufwendigen Fotoshootings selbst
inszeniert hat, immer werden diese Fotografien doch dem
gleichen Verfahren unterworfen: Zunächst wird das bereits als
Fotodruck existierende Motiv gewissermaĂźen aus seinem
Rahmen gerissen: „Ich überprüfe und hinterfrage die Formen,
indem ich mehrere Bilder eines Motivs auseinanderrupfe und
ein klein wenig anders wieder zusammensetze. Das tue ich,
um die durch das Foto perfekten Proportionen aufzubrechen.
Um das Fotomotiv aus seiner unantastbaren, technischen
Welt herauszuholen. FĂĽr mich ist schon ein versehentlicher
erster Knick in der Fotovorlage ein Zurückholen in das Leben.“

Mit einem Fotohandy, das sich aufgrund seines unbestimmten
Alters den meisten technischen Möglichkeiten von heute
versagt, fotografiert der KĂĽnstler das Motiv von seinem
Notebook ab. Er hält die Kamera dabei nicht etwa parallel zum
Bild-schirm, sondern in einem leicht schrägen Winkel – eine
weitere Verfremdung des ursprĂĽnglichen Motivs. Eine
graduelle zwar, doch der Effekt ist verblĂĽffend: Jede noch so
kleine Änderung der Perspektive verändert Farbe, Form und
Stimmung des ganzen Motivs, wie auf dem diagroĂźen Screen
des Fotohandys sofort zu erkennen ist. Die Farben
verschiedener Aufnahmen ein und derselben Figur oder Sache
changieren beispielsweise von einem gelbstichigen GrĂĽn bis zu
einem warmen Orange. Zufälliges Wackeln der Handykamera
verwandelt die Helligkeitswerte von Körpern und Räumen –
von heraufziehender Nacht hin zu dämmerndem Tag.

Genau wie in Theurkauffs eigentlichem Malprozess, der mit
dem konzentrierten Sich-Abarbeiten an der nĂĽchternen Linie
beginnt und dem stets ein chaotischer, das Scheitern des
Kunstwerks in Kauf nehmender Funkenflug aus Farbspritzern
folgt, so entdeckt man auch in seiner Motivgestaltung schon in
der Vorbereitung den unbedingten Willen zur Kontingenz: „Es
geht auch um die Möglichkeit, das Bild zu verlieren. Ich will es
nicht und will es doch. Ich will die Kontrolle. Ich will aber auch
die Kontrolle erarbeiten. Ich will es verlieren, ich will es aber
auch wiederkriegen. Ich will immer an diese Kante kommen,
an der das Bild ernsthaft scheitern kann. Es gab auch ein paar
Bilder, die raus waren. Nicht viele, aber bei einem habe ich mal
gedacht: das ist richtig versaut, wirklich verloren. An dem
habe ich später nochmal eine neue Farbe ausprobiert: und
plötzlich war es da! Es war so ein Weißton, der lief – je ne sais
quoi – wie so ein Schaum und hatte plötzlich eine Art von
Licht, das du noch nie in einem Foto gesehen hast – und in
echt schon gar nicht. Ein ganz eigenes Licht!“

Es ist dunkel geworden. Im Atelier strahlen Scheinwerfer auf
die Bilder. Der Tee wärmt längst nicht mehr. Eine Frage zum
Abschluss bleibt: Wozu dieser enorme malerische Aufwand?
Wozu dient dieses mit fast wissenschaftlicher Akribie
betriebene, darstellende Studium einer eigentlich nicht
abbildbaren Dingwelt? Denn abbilden lässt sich bestenfalls die
Vorstellung, die wir von den Dingen haben; auch die
vermeintlich technische Neutra-lität der Fotografie und
anderer technischer Bildmedien lässt uns ja nichts anderes
sehen als das, was wir sehen wollen, als den Blick, fĂĽr den wir
die Apparate gebaut haben. Und sehen wollen wir immer, je
mehr, desto lieber. Selten war das so offensichtlich wie heute:
Ein so bis vor kurzem nicht vorstellbarer Bilderschatz, der des
Internet, hat die privilegierte Bildherrschaft der Maler
gebrochen, die Digitaltechnik hat das Recht, Bilder zu
verändern, an alle verteilt. Dieser Bilderschatz ist mittlerweile
in so kleiner MĂĽnze ausgegeben worden, dass ein jeder sie wie
ein kleiner König in den Händen hält. Bloß mit der
unaristokratischen Plicht und Aufforderung, jetzt alles selbst
machen zu mĂĽssen. Und ginge es mit rechten Dingen zu,
mĂĽsste uns diese nie dagewesene Bildkompilation eher dazu
verfĂĽhren, unseren horror vacui aufzugeben und frei zu
werden von den Zwängen, dauernd Bilder zu machen, sie zu
verbreiten und betrachten zu mĂĽssen. Es gibt ja alle Bilder
schon, im Netz. Und sie sollten uns eher dazu anstiften,
endlich das freie Sehen zu lernen.

Warum also betreibt Lars Theuerkauff seine, nebenbei
bemerkt, fröhliche Vermischung des additiven, physiologischen
Farbkreises mit dem subtraktiven System der physikalischen
Farbenlehre? Warum vermengt er seine radikal subjektiven
Malweisen mit objektiven Bildgebern wie der Kamera? Wozu
macht er sich seine Gedanken und entwickelt Theorien,
versucht im Gespräch in fragilen Metaphern die Kunst in Worte
zu fassen – ein bekanntermaßen aussichtsloses Unterfangen?
Vielleicht, um uns hinaus ins Offene treten und, wie nach
einem Museumsbesuch, die Welt mit neuen Augen sehen zu
lassen. Vielleicht, um fĂĽr uns Betrachter den nicht zu
ermessenden Bilderberg, den nicht enden wollender Strom der
Abbilder, zu vermessen und irgendwie greifbar zu machen.
 
Am Ende seiner Bemühungen – seiner Reise durchs einsame
Land des kĂĽnstlerischen Schaffens, seines dauernden
Versuchs, gefasste Gewissheiten hinter sich zu lassen,
Abgründe und nicht gekannte Grenzen auszuloten – an
diesem Ende also mag es dann sein, dass der KĂĽnstler sich
jenseits dieser Grenzen fassungslos selbst als Fremder
begegnet. Denn dann kann es geschehen, dass der KĂĽnstler
aus dem dionysisch-apollinischen Wechselbogen hervortritt.
 
Die ungeordnete Dunkelheit des Chaos hinter sich lassend,
legt sich ĂĽber das geduldige Personal in Lars Theuerkauffs
Bildern nach und nach ein magisches Licht, nicht unähnlich
jenem, welches aufschiene, fänden wir uns, aus einem
gewaltigen Kataklysmus gerettet, am sicheren Strand wieder.
Nein, nicht das Licht selbst sähen wir, es würde uns blind
machen vor Sehnsucht, aber an seinem zarten Widerschein
hätten wir das Leben.

(Text von Oliver Rätsel)

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