Roselyne Titaud
»Solitude alltäglich/quotidien«
Seit 1990 hat die Akademie Schloss Solitude die paradoxe Aufgabe, das private Leben von auserwählten Künstlerinnen und Künstlern mit öffentlichen Mitteln zu fördern. 920 Stipendiaten durften seit ihrer Gründung die Unterstützung der Akademie erfahren. In all den Jahren waren die Studios bis auf wenige Ausnahmen (Sommerfeste, Ausstellungen) ausschließlich privater Bereich. Die neugierigen Blicke der zahlreichen Besucher durch die Fensterscheiben in die Studios gehören zum Alltag der auf Solitude lebenden Künstler, und insbesondere die Musik-Stipendiaten, deren Studiotüren und Fenster zur Gartenseite hin liegen, haben oft den Eindruck, dass manche Spaziergänger auf Sie schauen wie auf exotische Tiere im Zoo.
Mit der Ausstellung »Solitude alltäglich/quotidien« öffnen sich nun für einige Wochen die Türen der Solitude-Studios. Ein Jahr lang hat die französische Fotografin Roselyne Titaud Solitude-Interieurs fotografiert, denn sie war selbst Stipendiatin unter Stipendiaten, durfte in das private Leben ihrer Künstlerkollegen eindringen und es in Bildern festhalten. Auch wenn manche Interieurs und Arrangements für Insider erkennbar sind, bleiben ihre Fotografien anonym. Denn auf den Bildern von Roselyne Titaud, die aus kunsthistorischer Sicht in die Kategorie des Stilllebens gehören, ist niemals ein Mensch zu sehen. Und doch gibt es kaum einen Künstler, in diesem Fall eine Künstlerin, der mehr am Leben der anderen gelegen wäre, als ihr.
In den Fotoserien, die sie seit ihrer ersten Ausstellung im Jahr 2002 der Öffentlichkeit präsentiert hat, zeigt Roselyne Titaud, dass private Räume, Wohnzimmer und Schlafzimmer mehr sind, als nur funktionale Lebensräume: Es geht ihr vor allem darum, die poetische Dimension der Inszenierungen, die sie beobachtet, sichtbar zu machen und ihr eine adäquate Bildersprache zu verleihen. In ihren bisherigen Arbeiten befasste sich Roselyne Titaud vorwiegend mit Räumen, die erstarrt zu sein schienen, Eingangshallen, Wohn- und Schlafzimmer von Menschen, die mit der Inszenierung ihrer Privatheit eine Art von Stillstand erreicht hatten. »In all diesen Bildern«, so Roselyne Titaud über ihre eigene Arbeit, »geht es um Unzeitlichkeit, oder viel eher noch um ein Zusammenrinnen der Zeit, einer Zeit, die sich selbst gehört, von dem Moment an, wo ich sie fotografiere. Meine Sujets haben nichts mit dem Augenblick zu tun, sie erzählen von etwas anderem, von etwas, das angehalten wurde, nicht nur von der Fotografie, sondern auch schon in der Realität. Die Echtzeit will ich keineswegs gegen die Zeit der Fotografie austauschen. Die Zeit befindet sich bereits in diesem Wartezustand, wenn ich sie aufhalte, auch wenn die Aufnahme nur einen Augenblick dauert.«
Einen Wendepunkt in ihrer Arbeit markiert der erste Aufenthalt Roselyne Titauds in Stuttgart im Rahmen eines Künstleraustauschs zwischen dem Institut Français und Art3 Valence im Jahre 2008. Damals hatte sie eine Fotoserie im Kloster des Ordens der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Untermarchtal erstellt: Perfekt eingerichtet warten Gemeinschaftsräume, Schlafzimmer, Refektorien und Kircheninterieurs auf ihre künftigen Nutzer und zeugen von der Fürsorge der katholischen Einrichtung für ihre Gäste. Auf Solitude betritt Roselyne Titaud die bewohnten Räume einer Einrichtung, die sich gleichfalls – wenn auch unter anderen Voraussetzungen – für das Wohlbefinden ihrer Gäste und Stipendiaten einsetzt. Die 45 Studios der Akademie werden von Menschen bewohnt, die anscheinend alle unter denselben Bedingungen leben, denn die Solitude-Wohnungen sind in der Regel einheitlich möbliert: anthrazitgraue Schränke, schwarze Regale, helle Holztische, schwarze Stühle. Und trotzdem sind Titauds Bilder überraschend vielfältig, denn sie spiegeln die Singularität der Künstlerinnen und Künstler wider, die sich diese Räume mit persönlichen Gegenständen und individuellen gestalterischen Ideen angeeignet haben.
Auf Solitude sind die Interieurs der Stipendiatenstudios immer in Bewegung: jedes noch so kleine Detail, jede Ecke zeugt vom Leben, mit dem diese Räume gefüllt sind. In ihren Bildern zeigt Roselyne Titaud ein unendliches Spiel mit Themen und Variationen: Es sind Stillleben, die sich von einem Raum zum nächsten ähneln, weil sie sich auf dem gleichen Tisch oder dem gleichen Regal abspielen, aber jedes Interieur ist geprägt von einem anderen Menschen, von einer anderen Absicht. Was auch immer Roselyne Titaud fotografiert – Nahrungsmittel neben Büchern, Reste, Plastikflaschen, Papierservietten, Bettlaken, Antiquitäten, Sessel, Aschenbecher und vieles mehr–, nie fällt sie ein Urteil, weder ein ästhetisches und noch ein soziales. Ihre Arbeit ist stets von Neugierde und Sympathie für die anonymen Urheber gesteuert, deren poetische Installationen sie wiedergibt und mit denen, insbesondere auf Solitude, sie stets bereit ist, sich zu identifizieren.
Diese Ausstellung ist das Ergebnis einer Kooperation mit dem Institut Français de Stuttgart, dem die Akademie an dieser Stelle herzlich danken möchte: nicht nur weil die Zusammenarbeit mit den französischen Partnern und mit dem französischen Generalkonsul Herrn Christian Dumon stets effektiv und kollegial verlief, sondern auch weil die Akademie dem Institut Français die Bekanntschaft mit Roselyne Titaud verdankt. Anlässlich dieser Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog, der mit der finanziellen Unterstützung von ADERA, »Association des Ecoles d’art de la Région Rhône-Alpes« (Verband der Kunsthochschulen der Region Rhône-Alpes) realisiert wurde. Unser Dank gilt der Geschäftsführerin von ADERA, Frau Marie-Claude Jeune, und schließlich gilt unser Dank der Künstlerin selbst, Roselyne Titaud, die sich des Themas »Solitude alltäglich/quotidien« mit Begeisterung angenommen hat und uns Einblicke gewährt in das Privatleben von Künstlern, ohne deren Geheimnisse preiszugeben.
Jean-Baptiste Joly
Werke
Vergangene Ausstellungen
2011 (1 Ausstellung)
- 12.05.2011 – 11.06.2011 Solitude - Alltäglich · Kunstraum Denkpause